Info

Fernando Pareja (*1979, Popayán, Kolumbien) und Leidy Chavez (*1984, Popayán,Kolumbien) leben und arbeiten in Bogotá, Kolumbien

Artikel

Fernando Pareja & Leidy Chavez

Mit ihren Installationen schaffen Fernando Pareja und Leidy Chavez nicht nur verblüffende bewegte Bilder, sondern auch Bilder, die bewegen.

Kleine Wachsfiguren auf rotierenden Scheiben, stroboskopisches Licht und ein eindringlicher Soundtrack sind die Bestandteile ihrer Animationsmaschinen, die unbewegten Figuren Leben einhauchen: Sie erzählen ihre Geschichten in kurzen, sich stetig wiederholenden Sequenzen. Die Animationsmaschinen sind faszinierende Weiterführungen historischer Sehapparate und optischer Spielzeuge, die sich im 19. Jahrhundert grosser Beliebtheit erfreuten. Die künstlerische Recherche führte Pareja und Chavez zu exotischen Geräten wie dem Zoetrop oder dem Praxinoskop, Vorläufer des Films, die bereits das damalige Publikum in ihren Bann zogen. Beides waren einfache, aber raffinierte Apparate, die basierend auf physiologischen und psychologischen Wahrnehmungsphänomenen Bewegung suggerierten.

Indem sie historische Mechanismen in die Gegenwart überführen, beabsichtigen die beiden Künstler mehr als deren blosse Reanimation: Ihre Werke veranlassen zum Experimentieren und überraschen. Das Besondere am historischen Exkurs von Pareja und Chavez liegt denn auch im zeitgenössischen Blick auf die Geschichte. Ihre künstlerische Strategie ist nicht von Nostalgie geleitet, sondern vom Interesse, die aktuelle Bildproduktion und heutige Sehweisen zu untersuchen und den Prozess der Bilderzeugung sichtbar zu machen. Die Auseinandersetzung, was das menschliche Auge wahrzunehmen bereit ist, führt auch zur Frage, was wir in einer Welt, die massgeblich von bewegten Bildern bestimmt wird, auch noch sehen wollen respektive sehen können. Die Künstler verstehen es, das Publikum mit ihren dreidimensionalen Animationen zu faszinieren. Die Wirkung reicht über ein anfängliches Staunen hinaus und bewegt auf einer emotionalen, reflexiven und politisch-sozialen Ebene.

Animiert durch den Effekt des stroboskopischen Lichts eilen in Untitled (2012) alte Frauen aus einem kreisförmig angelegten Arkadengang hinaus, hasten über eine Plattform, nur um sich in die Leere zu stürzen. Im System des endlosen Loops gefangen wiederholt sich dieses fatale Drama immer und immer wieder. Die Szene reflektiert die ausweglose Situation, in der sich ein Teil der zivilen Bevölkerung in der Herkunftsregion der beiden Künstler befindet. In der kolumbianische Provinz Cauca geraten sie in einem andauernden bewaffneten Konflikt regelmässig zwischen die Fronten von Armee, paramilitärischen Gruppen und Guerilla.

Auf eindringliche Weise beleuchten Pareja und Chavez in ihrer künstlerischen Arbeit politisch-gesellschaftliche Realitäten. Damit stehen sie in einer langen Tradition kolumbianischer Künstler, die sich kritisch und nachdrücklich mit der bewegten Geschichte und Gegenwart ihres Landes auseinandersetzen. Die eigentliche Stärke ihrer Arbeit liegt jedoch darin, dass Fernando Pareja und Leidy Chavez im Spiel mit Illusion und Realität auf einer universellen Ebene existenzielle Fragen aufwerfen, die uns alle etwas angehen.

Katrin Steffen

Daros Ausstellungen
Bibliographie
Ausgewählte Titel in unserer Bibliothek

The Matter of Photography in the Americas. Exhibition catalogue, Iris & B. Gerald Cantor Center for Visual Arts, Stanford University, Stanford, CA, USA, February 7 - April 30, 2018. Edited by Natalia Brizuela and Jodi Roberts. With contributions by Lisa Blackmore, Amy Sara Carroll, Marianela D'Aprile, María Fernanda Domínguez, Heloisa Espada, Rachel Price, Diana Ruiz, Tatiane Santa Rosa, and Kyle Stephan. Stanford, Stanford University Press, 2018.

Thomas Fischer/Susanne Klengel/Eduardo Pastrana Buelvas (Eds). Kolumbien heute. Politik – Wirtschaft – Kultur. Frankfurt am Main, Vervuert, 2017.

Amirsadeghi, Hossein (ed.). Contemporary art Colombia. With texts by Christine Barthe, and Jaime Cerón. London, Thames & Hudson, 2016.

Dark Mirror. Art from Latinamerica since 1968. Works from the Daros Latinamerica Collection. Exhibition catalogue, Kunstmuseum Wolfsburg, Wolfsburg, Germany, September 26, 2015 - January 31, 2016. Edited by Ralf Beil and Holger Broeker. Wolfsburg, Kunstmuseum Wolfsburg, 2015.

Dark Mirror. Lateinamerikanische Kunst seit 1968. Werke aus der Daros Latinamerica Collection. Exhibition catalogue, Kunstmuseum Wolfsburg, Wolfsburg, Germany, September 26, 2015 - January 31, 2016. Edited by Ralf Beil and Holger Broeker. Wolfsburg, Kunstmuseum Wolfsburg, 2015.

Illusions. Exhibition catalogue, Casa Daros, Rio de Janeiro, Brazil, September 9, 2014 - February 13, 2015. With texts by Orlando Britto Jinorio and interviews by Katrin Steffen. Rio de Janeiro, Casa Daros, 2014. (www.illusions.casadaros.net)

Ilusiones. Exhibition catalogue, Casa Daros, Rio de Janeiro, Brazil, September 9, 2014 - February 13, 2015. With texts by Orlando Britto Jinorio and interviews by Katrin Steffen. Rio de Janeiro, Casa Daros, 2014. (www.illusions.casadaros.net)

Ilusões. Exhibition catalogue, Casa Daros, Rio de Janeiro, Brazil, September 9, 2014 - February 13, 2015. With texts by Orlando Britto Jinorio and interviews by Katrin Steffen. Rio de Janeiro, Casa Daros, 2014. (www.illusions.casadaros.net)

Aliento. Arte de Colombia. Zeitgenössische Kunst aus Kolumbien. Exhibition catalogue, Kunstmuseum Bochum, Germany, November 23, 2013 - February 2, 2014. With texts by Hans Günter Golinski, Sarah Poppel (et al.). Bochum, Kunstmuseum, 2013.

Aliento. Arte de Colombia. Zeitgenössische Kunst aus Kolumbien. Exhibition catalogue, Kunstmuseum Bochum, Germany, November 23, 2013 - February 2, 2014. With texts by Hans Günter Golinski, Sarah Poppel (et al.). Bochum, Kunstmuseum, 2013.

Fernando Pareja y Leidy Chavez. Oppressed Oppressors. Exhibition brochure, The Mission, Houston, USA, November 8 - December 21, 2013, The Mission, Chicago, USA, November 15 - December 21, 2013. With a text by Gilbert Vicario. Chicago/Houston, The Mission, 2013.

Werke